Die Norm DIN EN 45545-2 regelt die Brandschutzanforderungen an Werkstoffe, die in Schienenfahrzeugen eingesetzt werden. Für Konstrukteure von Spritzgussteilen ist das kein exotisches Thema - ganz im Gegenteil. Jede Werkstoffentscheidung in einem Bahnprojekt führt auf diese Norm zurück.

In diesem Artikel ordnen wir drei Dinge, die am häufigsten für Verwirrung sorgen: Anforderungssätze R, Gefährdungsstufen HL und Produktkategorien. Ohne auf den gesamten Apparat der Prüfverfahren einzugehen - denn der ist Sache des Labors, nicht des Konstrukteurs.

Anforderungssätze R

Die R-Sätze beschreiben, was eigentlich geprüft wird. Bei Kunststoffbauteilen für Schienenfahrzeuge begegnet man am häufigsten:

  • R1 - großflächige Elemente der Innenausstattung
  • R22 - kleine Bauteile (z. B. Klemmen, Clips, Gehäuse)
  • R23 - verwandt mit R22, aber mit zusätzlicher Prüfung der Flammenausbreitung
  • R24 - Kunststoffelemente im Fahrgastraum

Für das MS-PROGRESS-Portfolio im Bereich Schienenfahrzeuge sind R22 und R23 entscheidend - sie tauchen in 90 % der Kundenbriefings auf.

Gefährdungsstufen HL

HL (Hazard Level) beschreibt, wie streng die Anforderungen sind, die sich aus dem Einsatz ergeben:

  1. HL1 - die niedrigste. Nahverkehr, kurze Strecken.
  2. HL2 - mittel. Konventionelle Fernverkehrsfahrzeuge.
  3. HL3 - die höchste. Tunnel, U-Bahn, Fahrzeuge ohne automatische Evakuierung.

HL3 erzwingt die strengsten Parameter: geringe Wärmefreisetzung (MARHE), geringe Rauchdichte, geringe Toxizität der Rauchgase. Ein HL3-konformer Werkstoff ist auch HL2- und HL1-konform - umgekehrt nicht.

Wie man das Materialdatenblatt liest

Das Datenblatt des Materiallieferanten deklariert in der Regel eine konkrete Kombination, z. B. „konform mit EN 45545-2 R22 / HL3“. Drei Dinge sollten Sie sofort prüfen:

1. Gilt die Konformität für die erforderliche Wandstärke?

Das Datenblatt nennt in der Regel die Mindestwandstärke, für die die Prüfung durchgeführt wurde. Ein Bauteil mit 1,8 mm Wandstärke übernimmt nicht automatisch die Konformität aus einem Datenblatt, das an einem 4 mm dicken Prüfkörper erstellt wurde.

2. Gilt die Konformität für die Farbe?

Die Farbe (genauer gesagt der Pigmentzusatz) kann das Ergebnis der Toxizitätsprüfung über die zulässigen Werte hinaus verschieben. Standard ist eine Deklaration für die Farben natural / black; andere Farben erfordern eine gesonderte Bestätigung.

3. Berichtsnummer und Labor

Klingt banal, aber im Gespräch mit dem Kunden ist es genau diese Nummer, die die Diskussion letztlich beendet - und sie landet in der PPAP-Dokumentation.

„In Bahnprojekten geht die meiste Zeit nicht bei Berechnungen verloren, sondern durch Missverständnisse beim Lesen eines zweiseitigen Materialdatenblatts.“ - PM · Bahnprojekte MS-PROGRESS

Die häufigsten Werkstoffe im Portfolio

In der Serienfertigung für Schienenfahrzeuge arbeiten wir am häufigsten mit:

  • PA6.6 GF30/GF50 in FR-Ausführung (selbstverlöschend) - R22, R23 / HL2
  • PBT GF in FR-Ausführung - R22 / HL3
  • PC+ABS mit FR-Modifikator - ausgewählte R-Sätze / HL2

Was Sie vor einer Angebotsanfrage prüfen sollten

Drei Fragen, die Wochen sparen:

  1. Welche R- und HL-Einstufung verlangt der Endkunde (Infrastrukturbetreiber) genau?
  2. Welche Farbe / welcher Farbbereich ist mindestens gefordert?
  3. Wie groß ist die geringste Wandstärke im Projekt?

Ohne Antworten auf diese drei Fragen ist jede Werkstoffkalkulation Arbeit auf Vorrat. Wenn Sie es nicht wissen - melden Sie sich bei uns, meist genügt ein 30-minütiges Gespräch, um das Thema zu klären.